Rezension: The Curious Expedition

header_TheCuriosExpeditionAnfang des 19. Jahrhunderts schlägt Alexander von Humboldt all die Warnungen der ihn begleitenden Missionare und Ureinwohner in den Wind und betritt in Neuandalusien eine Höhle, die ins Totenreich führen soll. Für die Wissenschaft! Nachdem alle Begleiter, außer dem treuen Aimé Bonpland, geflohen sind und Humboldt Zeuge einer Geistererscheinung wird, ist er endlich am Ziel: Die Höhle ist vermessen, Gesteinsproben genommen und das Geheimnis um die in der Höhle nistenden Vögel ist gelöst. So zumindest die gewollt überzeichnete Schilderung in Daniel Kehlmanns Roman.[1]

Ähnlich überzeichnet und fiktiv geht es in The Curious Expedition[2] vom zweiköpfigen Indiestudio Maschinen-Mensch zu. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts übernimmt der Spieler oder die Spielerin die Leitung eines Expeditionswettlaufs gegen andere Entdecker. Zur Wahl stehen Persönlichkeiten wie Marie Curie, Charles Darwin, bis hin zu Johan Huizinga[3]. Je nachdem für wen man sich entscheidet, beeinflusst das die Ausgangslage der Expedition, zum Beispiel, ob dem eigenen Tross ein Missionar oder eher ein Soldat angehört. Danach wählt man auf einer Weltkarte sein erstes Reiseziel aus, etwa den brasilianischen Urwald. Am Heimathafen kann man sich noch mit Proviant und Ausrüstung eindecken, ehe man mit dem Schiff aufbricht. Landet man mit dem Schiff in einer neuen Region ist zunächst der Großteil der aus Hexfeldern bestehenden Landkarte verdeckt. Übergeordnetes Spielziel ist es jetzt dem Kompass am oberen Bildschirmrand zu folgen und nach einer goldenen Pyramide zu suchen. Betritt man diese hat man das Level beziehungsweise diese Expedition erfolgreich überstanden. Je nach Entdeckungen, erbeuteten Schätzen oder gelösten Rätseln sammelt man Ruhmpunkte, mit denen man sich am Ende mit den anderen Entdeckern vergleichen kann.

Die grüne Pixelhölle

Hat die Expedition begonnen so entfaltet sich das rogue-liketypische Gameplay. Man trifft Entscheidungen; die meisten davon enden für unseren Entdecker oder unsere Entdeckerin tödlich, denn der Weg hin zu einer goldenen Pyramide gestaltet sich weniger als Spaziergang. Unser Tross verliert mit jedem Fortbewegen über die Landkarte an Sanity, eine Ressource, welche wir stets im Auge behalten sollten. Denn einmal aufgebraucht leidet die geistige Gesundheit unserer Abenteurer – was früher oder später in der Katastrophe endet. Wir zehren also von unserem Proviant aus der Heimat (Schokolade, Rum, Bohnen) oder handeln mit indigenen Bewohnern um deren Nahrungsmittel, um unseren Vorrat an Sanity stabil zu halten. An einigen Stellen können wir auch rasten, zum Beispiel in einem Dorf von Eingeborenen. Wie alles, kann dies aber auch negative Folgen haben.Karte_TCE Etwa wenn man die Gastfreundschaft allzu sehr strapaziert und schließlich davon-gejagt wird. So sollte man behutsam vorgehen und ständig zwischen den Optionen abwägen: Schaffe ich es noch zu diesem Fragezeichen auf der Karte, hinter dem sich die Pyramide verbergen könnte oder gehe ich auf Nummer sicher und mache hier im Dorf rast, obwohl mir die Dorfbewohner beim letzten Mal Menschenfleisch als Nahrung angeboten haben? Und vor allem will man ja nicht nur einfach die goldene Pyramide finden, sondern auch Schätze bergen oder zumindest versuchen den Auftrag den man im Heimathafen bekommen hat zu erledigen. Etwa werden wir gebeten einen Deserteur zurück zu bringen. Ärgerlich nur, dass er ein neues Leben als Stammeshäuptling führt und nicht einsieht mit uns mitzukommen. Soll man ihn mit Gewalt überzeugen, oder verzichtet man auf diese Quest und erkundet dafür lieber diese Ruine in der bestimmt noch Gold versteckt ist? Alles was man während einer Expedition einsammelt und wieder mit in die Heimat bringt, kann man dort entweder gegen Ruhmpunkte oder Bares eintauschen. Während ersteres kurzfristig dafür sorgt, dass wir uns gegen die anderen Entdecker im Ranking behaupten, sorgt letzteres dafür, dass wir auch die nächste von insgesamt sechs zu absolvierenden Expeditionen überstehen. So deckt man sich vorsichtshalber mit Proviant und Ausrüstung oder auch Waffen ein.

Ermittle Trefferwürfe mit W6Kampf_TCE

Kommt es zum Kampf, ist man vor allem auf Glück angewiesen. Jedes Mitglied des Entdeckertrosses hat zwar bestimmte Fähigkeiten, die entweder im Kampf schützen oder dem Gegner Schaden zufügen, allerdings werden die zur Verfügung stehenden Attacken ausgewürfelt. Drei Mal darf man den Würfelwurf wiederholen und mit etwas Glück schafft man es sich wirkungsvoll zur Wehr zu setzen. Hat man aber nur wenige rote Würfel (Attacken) in seinem Fähigkeitenpool, ist meistens die Flucht die beste Lösung. Dieses Würfelsystem passt stilistisch und spielmechanisch perfekt, birgt aber wie jeder Aspekt des Spiels auch Frustmomente, etwa wenn man mit einer eher pazifistischen Gruppe unterwegs ist. Kommt es so zum Kampf und man hat keine Möglichkeit zur Flucht, kann man nur passiv zusehen, wie die Gruppe auseinandergenommen wird. Hat man allerdings Soldaten in der Gruppe oder Waffen im Inventar, kann man die so verfügbaren Angriffs-Würfel zu effektiven Combos vereinen. Dann macht es Spaß!

Tourist Trip[4]

Prozedural generierte Level, Permadeath… das Grundgerüst will es dem Spieler nicht leicht machen, wer Rückschläge scheut und nicht zumindest eine gute Portion Ausdauer mitbringt, wird mit Rogue-likes für gewöhnlich nicht warm. The Curious Expedition bietet jedoch einen weiteren Aspekt der abseits der Herausforderung zusätzlich motiviert: Der erzählerische Kontext rund um Entdeckerreisen und allgemein bekannte Persönlichkeiten in Kombination mit dem vom Zufall bestimmten Spielprinzip. Sprich, der Weg wird zum Ziel. Jede Entscheidung die der Spieler trifft, hat Einfluss auf die Entdeckergruppe und wird von ihr kommentiert. Auch die Figuren selbst reagieren aufeinander und gelegentlich entstehen innerhalb der Gruppe Freund- oder eben auch Feindschaften. Während andere Genrevertreter, wie etwa The Binding of Isaac[5], bis auf die ebenfalls kuriose Rahmenhandlung auf das Gameplay und die Progression reduziert sind, bemüht sich The Curious Expedition durch das Erzählen von kleinen Geschichten für zusätzliche Motivation zu sorgen. Der Spielablauf und viele Aspekte wiederholen sich schnell, werden aber durch die kleinen Erzählungen in einen immer neuen Kontext gesetzt. Am Ende zählte nur bedingt ob der Wettlauf gegen die anderen Entdecker gewonnen wurde, sondern was man auf den Expeditionen erlebt hat. Ghost_TCESo etwa eine ähnliche Geistererscheinung, wie im anfangs erwähnten Roman, welche dazu führt, dass man den von den Geistern auf der Karte markierten Ort besucht, anstatt nur der goldenen Pyramide hinterher zu jagen. Die Belohnung für diese Ablenkungen sind keine Ruhmpunkte, sondern oft witzige und skurrile Ereignisse, die mit wenig Text und umso mehr mit der Vorstellungskraft des Spielers weitergesponnen werden und im Gesamtbild eine kurzweilige Erzählung ergeben. The Curious Expedition erweitert somit das scorebasierte Spielprinzip um eine passende und spannende sowie oft humorvolle Komponente. Jede erneute Partie startet man somit mit Entdeckerlust.Triumph_TCE

 

The Curious Expedition

Maschinen-Mensch

02.09.2016

*Alle Bilder sind eigene Screenshots aus The Curious Expedition (2016), Maschinen-Mensch. Das Vorschaubild entstammt dem Presskit auf der offiziellen Website.

[1] Vgl. Kehlmann, Daniel: Die Vermessung der Welt, 12. Aufl., Hamburg 2005, S. 72ff.

[2] The Curious Expedition (2016), Maschinen-Mensch.

[3] Verfasser von: Homo Ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel (1930 erschienen).

[4] So die Bezeichnung des ersten von drei wählbaren Schwierigkeitsgraden: „Good for beginning players and people that enjoy the narration.“

[5] The Binding of Isaac: Rebirth (2014), Nicalis.

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