Memento Mori: Return of the Obra Dinn als Horrorspiel

„Company man woke me up.
Said you’d need ferry to the Obra Dinn.
Not many eager for that job.”

Im Jahr 1807 taucht die Obra Dinn unerwartet im Hafen von Falmouth auf. Das Schiff der East India Company war 1803 vor der afrikanischen Westküste verschollen, gemeinsam mit der gesamten Besatzung und ihrer Fracht. Niemand hat eine Ahnung, was auf der Reise passiert ist, doch der Anblick des einsam auf dem dunklen Wasser liegenden Schiffes reicht aus, dass sich keiner an Bord traut. Es braucht jemanden, der eigentlich den langweiligsten Job der Welt hat: Ein wortkarger Versicherungsbeamter der East India Company soll herausfinden, was an Bord geschehen ist, wo die Besatzung abgeblieben ist und vor allem, welche Kosten auf seinen Arbeitgeber zukommen. Seine Ausrüstung besteht dabei allein in einem Notizbuch, das ihm ein rätselhafter Unbekannter namens Henry Evans zugespielt hat, der sich während der Reise an Bord befand, sowie einer mysteriösen Taschenuhr, deren Totenkopf-Verzierung und Namensgebung „memento mortem”[1] schon nichts Gutes erahnen lassen.

Was Story und Gameplay von Return of the Obra Dinn[2]  angeht, ist damit bereits fast alles beschrieben. Die Spieler*innen schlüpfen in die Rolle des Versicherungsbeamten und müssen die Decks des Schiffs erkunden, auf denen sich unzählige Leichen finden. Es gilt, die Schicksale der 60-köpfigen Besatzung aufzuklären, und diese Aufgabe ist alles andere als leicht. Denn für alle Verschollenen müssen zwei bis drei Informationen bestimmt werden: Um wen handelt es sich? Wie ist die Person gestorben – oder ist sie vielleicht sogar noch am Leben? Und wer (oder was) hat sie getötet – oder wo befindet sie sich jetzt, falls sie noch leben sollte? Alle diese Informationen werden im Notizbuch festgehalten, das reichlich Anhaltspunkte bietet: Eine Liste der Besatzung, Zeichnungen mit Abbildungen aller Personen, die Route der Obra Dinn und sogar ein ausführliches Glossar über die Rangbezeichnungen an Bord. Und diememento mortem-Taschenuhr wird ihrem Namen gerecht: wenn man eine neue Leiche entdeckt, kann sie verwendet werden, um die letzten Sekunden im Leben der betreffenden Person in einem eingefrorenen, begehbaren Bild nachzuempfinden. Unter Umständen lassen sich aus ihrem Umfeld, den Akzenten anderer Anwesender und ihrer Kleidung Schlussfolgerungen auf die Identität ziehen.

Die im Grunde sehr einfachen Spielmechaniken: links die Taschenuhr, rechts die Einträge im Notizbuch

„What madness is this?”

Im Zentrum des Spiels steht also ein Rätselraten der besonders anspruchsvollen Art. Es wird entsprechend häufig mit dem „Mystery”-Tag beschrieben – der für mich jedoch nicht ausreicht, um dem Spiel ganz gerecht zu werden. Besonders spannend ist, wie stark der ein-Mann-Autor Lucas Pope offenbar von der Literatur des 19. Jahrhunderts inspiriert wurde, der Zeit, in der das Spiel ja auch angesiedelt ist. Die Geschichte ist zutiefst dem Horror dieses Jahrhunderts verbunden: Sie spielt sich wie aus einem Roman von Edgar Allen Poe, H.P. Lovecraft oder Arthur Conan Doyle – ich denke vor allem an „The Hound of the Baskervilles”, das ganz ähnlich wie Return of the Obra Dinn Horror und Mystery miteinander verwebt. Man fühlt sich tatsächlich ein wenig wie Sherlock Holmes, wenn man die Szenen und das Notizbuch studiert, Laufwege nachempfindet und nach jedem noch so kleinen Hinweis im Aussehen oder Akzent der Personen sucht, um Identitäten und Konflikte zu schlussfolgern. Und schließlich ist es, wie so oft im Horror, das Unbekannte, dem der Mensch nicht gewachsen ist, das ihn zu Fall bringt: Return of the Obra Dinn schöpft voll aus dem Seemannsgarn und den Mythen über die Untiefen und Flüche des Meeres (und tappt dabei leider auch in das eine oder andere Klischee).

Unheil legt sich über die Obra Dinn

„A curse like that… Does not lift for nothing.”

Einsamkeit, Ungewissheit und Unbehagen ziehen sich durch das gesamte Spiel. Es trieft geradezu vor bedrückender Atmosphäre, die aus dem leisen Säuseln der Wellen und den ächzenden Planken des Schiffes, vor allem aber aus der visuellen Untermalung entsteht: Return of the Obra Dinn ist visueller Horror der Extraklasse. Der zweifarbige, vom Noire inspirierte monochrome Grafik-Stil (den man als wesentlichen Träger der Atmosphäre z.B. auch in White Night[3] antreffen kann) gibt den in der Zeit eingefrorenen Momenten des Todes einen besonders unbehaglichen Anstrich. Die Szenen sind kleine, exakt konzipierte Kunstwerke, die die Brutalität geradezu zelebrieren (diese Stellen kann man z.B. mit den „Kunstwerken” des irren Fotografen aus The Evil Within 2[4] vergleichen) und den Figuren eine besondere Tiefe verleihen: Jede noch so kleine Nebenfigur hat ihre eigene, schemenhafte Geschichte, zu der man aber in der Obsession, herauszufinden, was zur Hölle mit ihr passiert ist, eine besonders enge Verbindung aufbaut. Es werden aber, wie bei jeder guten Geschichte, einige Aspekte bewusst offengelassen – man erhält eben immer nur einen Einblick in das Leben an Bord der Obra Dinn. Die Fantasie der Spieler*innen spinnt diese Fäden zu Ende, und so ist das Spiel auch ein hervorragendes Beispiel dafür, wo Immersion ansetzen kann.

Zwei Szenen aus den Erinnerungen: Künstlerische Inszenierungen der Gewalt

Die bedrückende und packende Atmosphäre macht Return of the Obra Dinnzu einem Horrorspiel, das beweist, wie breit angelegt dieses Label und wie groß sein Potenzial ist: Es muss nicht immer ein Jumpscare oder eine Verfolgungsjagd sein. Horror definiert sich auch maßgeblich über Einsamkeit und Unwohlsein – beides Emotionen, die Lucas Pope mit seinem kleinen und doch so großen Indie-Kunstwerk perfekt trifft.

*Alle Bilder sind eigene Screenshots aus Return of the Obra Dinn (2018), Lucas Pope/3909.


[1] Das eigentlich bekanntere „memento mori“ („Erinnere dich deiner Sterblichkeit“) ist im Spiel vermutlich absichtlich zu „Erinnere dich an den Tod” (frei übersetzt) abgewandelt worden.

[2] Return of the Obra Dinn(2018), Lucas Pope/3909.

[3] White Night (2015), OSome Studio/Plug In Digital.

[4] The Evil Within 2 (2017), Tango Gameworks/Bethesda Softworks.


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